Vor ein paar Tagen ist mir zum wiederholten Mal ein Dashboard über den Weg gelaufen, das ich nicht mehr wegklicken konnte. Mehrere KI-Agenten mit eigenen Rollen — ein Chef-Agent, ein Analyst, ein Trader, einer für Risiko, einer für Compliance — verwalten sichtbar ein Aktien-Depot. Charts, Entscheidungsprotokolle, kleine Wortwechsel zwischen den Agenten, die aussehen wie eine echte Investmentabteilung. Es wirkt unglaublich professionell. Und für einen Moment dachte ich das, was solche Dashboards genau auslösen sollen: Verpasse ich hier gerade was?
Ich bin kein Trader. Ich handle selbst nicht mit Aktien, schon gar nicht mit KI-Unterstützung. Und ich bin, ehrlich gesagt, vorbelastet: Vor einer Weile habe ich schon mal ein Rezept nach dem Motto „mit KI nebenbei Geld verdienen” ausprobiert und bin ziemlich auf die Nase gefallen. Also wollte ich diesmal nicht dem Gefühl folgen, sondern nachrechnen. Drei Wege standen für mich zur Debatte: breit gestreute ETFs, klassisches Festgeld — oder eben KI-Trading, so wie es dieses Dashboard vorführt. Ich habe mir angeschaut, was die Zahlen und Studien tatsächlich hergeben.
Die drei Wege, nüchtern nebeneinander
Breit gestreute ETFs (zum Beispiel auf den MSCI World oder S&P 500) bringen historisch grob 6 bis 8 Prozent Rendite pro Jahr, nominal, über sehr lange Zeiträume betrachtet — real, also nach Inflation, deutlich weniger. Die genaue Zahl hängt stark davon ab, in welchem Jahr man eingestiegen ist; laut Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts gleicht sich das aber über 20 bis 30 Jahre an. Der Haken: zwischendurch schwankt es brutal. 2008 ging es vom Hoch aus etwa 57 Prozent runter, 2020 in der Corona-Panik rund 34 Prozent innerhalb weniger Wochen, 2022 noch mal etwa 26 Prozent. Wer das nicht aushält und in der Krise verkauft, verbrennt genau das Geld, das eigentlich für ihn arbeiten sollte. Die Kosten sind dafür angenehm niedrig: Standard-ETFs liegen bei rund 0,20 Prozent Gebühren pro Jahr, die günstigsten bei 0,05 bis 0,07 Prozent.
Festgeld und Tagesgeld sind das Gegenteil von Nervenkitzel. Aktuell (Stand 2026) gibt es bei Tagesgeld Top-Angebote um 4,0 Prozent, der Marktdurchschnitt liegt eher bei 1,95 Prozent. Festgeld für ein Jahr kommt auf bis zu etwa 3,1 Prozent, in Spitzen bis 3,46 Prozent. Dazu die gesetzliche EU-Einlagensicherung bis 100.000 Euro pro Bank und Kunde — das Geld ist, salopp gesagt, langweilig sicher. Bei einer Inflation von rund 2,3 Prozent (Destatis, Juni 2026) bleibt bei den Top-Zinsen real noch etwas übrig, beim Durchschnittszins nach Steuern ist es eher eine Nullrunde. Festgeld ist also kein Vermögensaufbau, sondern Kapitalerhalt mit Planungssicherheit.
Und dann KI-Trading — der eigentliche Auslöser meiner Recherche.
| ETF (breit gestreut) | Festgeld/Tagesgeld | KI-Trading | |
|---|---|---|---|
| Erwartete Rendite | ~6-8% p.a. nominal, langfristig | ~2-4% p.a., aktuell | Kein belegter Vorteil ggü. Markt |
| Risiko | Hoch kurzfristig, moderat langfristig | Sehr gering | Hoch bis sehr hoch |
| Sicherheit | Marktschwankung, kein Kapitalschutz | Einlagensicherung bis 100.000 € | Keine Absicherung, Totalverlust möglich |
| Aufwand | Sehr gering (Sparplan, liegen lassen) | Sehr gering | Hoch, ständige Beobachtung/Vertrauen ins System |
Was die Evidenz zu KI-Trading wirklich sagt
Hier wurde es für mich am aufschlussreichsten — und am ernüchterndsten. Die Studie StockBench (arXiv 2510.02209) hat mehrere KI-Modelle systematisch gegen die simpelste aller Strategien antreten lassen: einfach kaufen und halten. Ergebnis: die meisten Modelle schlagen Buy-and-Hold nicht. Ein Modell kann beeindruckendes Finanzwissen haben und trotzdem beim tatsächlichen Handeln schlechter abschneiden als gar nichts zu tun.
Noch interessanter fand ich die Studie „Profit Mirage” (arXiv 2510.07920). Sie erklärt, warum KI-Finanz-Agenten in Demos oft so überzeugend aussehen: Die beeindruckenden Backtest-Gewinne verschwinden fast immer, sobald man das Modell außerhalb seines Trainingszeitraums testet. Vereinfacht gesagt hatte das Modell die Kursverläufe teilweise schon „gesehen” — wie jemand, der eine Prüfung mit den Antworten im Kopf schreibt und danach überrascht tut, wie gut er war.
Was ist dann mit dem viralen Dashboard, das mich überhaupt erst neugierig gemacht hat? Das dürfte etwas wie „Alpha Arena” von Nof1 sein, bei dem KI-Modelle tatsächlich mit echtem Geld gegeneinander antreten. Die Streuung dort war enorm — ein Modell zeitweise stark im Plus, ein anderes rund 60 Prozent im Minus. Das will ich hier aber ehrlich einordnen, statt es größer zu machen als es ist: Season 1 lief auf Krypto-Hebelprodukten, nicht auf Aktien — also einem der riskantesten Instrumente überhaupt, über kurze Zeiträume von Tagen bis Wochen, mit im Grunde einer einzigen Stichprobe. Das ist unterhaltsam anzusehen. Ein Beweis, dass KI-Trading funktioniert, ist es nicht — es zeigt vor allem, wie groß die Streuung sein kann.
Und selbst wenn man KI komplett rauslässt: Die Datenlage zu aktivem Handeln allgemein ist seit Jahrzehnten ziemlich eindeutig. Die bekannte Studie von Barber und Odean zu Privatanlegern zeigt, dass die aktivsten Trader im Schnitt nur rund 11,4 Prozent pro Jahr netto erzielten, während die Ruhig-Halten-Gruppe auf etwa 18,5 Prozent kam — also rund sieben Prozentpunkte pro Jahr verschenkt, allein durch zu viel Handeln. Eine Studie aus Taiwan fand, dass über 80 Prozent der Daytrader nach Kosten Geld verlieren. Bei Hebelprodukten wie CFDs verlieren laut BaFin ebenfalls rund 80 Prozent der Kleinanleger — Grundlage für die heutige Warnpflicht. Bei Turbo-Zertifikaten hat die BaFin ermittelt, dass 74 Prozent der Anleger verloren haben, im Schnitt über 6.000 Euro pro Person.
Der rote Faden durch all diese Zahlen: Es gibt aktuell keine belegte Evidenz, dass KI den Marktdurchschnitt zuverlässig schlägt. Eher im Gegenteil. Häufiges, aktives Handeln — ob von Mensch oder Maschine gesteuert — schneidet in fast jeder Langzeitstudie schlechter ab als schlichtes Liegenlassen.
Was ich für mich mitnehme
Kurzer Hinweis vorweg, weil mir das wichtig ist: Das hier ist keine Anlageberatung, nur die Zusammenfassung dessen, was ich für mich selbst recherchiert habe — jeder muss seine eigene Situation und sein eigenes Risiko selbst einschätzen.
Für mich persönlich bleibt von diesem Ausflug wenig Verlockung übrig. Das Dashboard mit den fünf KI-Agenten ist beeindruckende Technik und gutes Storytelling — aber keine Geldanlage-Strategie, der ich vertrauen würde, nur weil sie professionell aussieht. Ich bin kein Trader, war es vor dieser Recherche nicht und bin es jetzt erst recht nicht. Was ich stattdessen mitnehme: Bei ETFs und Festgeld weiß ich wenigstens grob, worauf ich mich einlasse — Schwankung gegen Rendite, Sicherheit gegen Wachstum. Bei KI-Trading kaufe ich im Moment vor allem eine gute Show. Vom Handy aus lässt sich das übrigens genauso leicht recherchieren wie am Rechner — was mich aber nicht davon abhält, mir für die wirklich wichtigen Zahlen lieber Zeit am Schreibtisch zu nehmen.
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